Alkohol ist die einzige Droge, für die man sich entschuldigen muss, wenn man sie nicht nimmt.
Ein Satz, der hängen bleibt. Und der leider stimmt.
Vor Kurzem erzählte mir jemand aus dem Bekanntenkreis – völlig ernst gemeint –, dass eine Frau, die kein Daydrinking mitmacht, im Dating-Kontext ja eigentlich rausfällt. Weil: weniger locker, weniger spontan, weniger „Teil des Spiels“. Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment. Kein Witz, keine Provokation. Sondern eine beiläufige Diagnose unserer sozialen Realität. Und genau da wird es interessant. Und ehrlich gesagt: bedenklich.
Normalisiert bis zur Unsichtbarkeit
Alkohol ist tief verankert in unserem Alltag. Feierabendbier, Geschäftsessen, Geburtstage, Vernissagen, Dates, Networking-Events, Wochenendbrunch. Er ist sozialer Schmierstoff, kulturelles Ritual, vermeintlicher Türöffner. Wer trinkt, gehört dazu. Wer nicht trinkt, fällt auf. Nicht, weil er etwas falsch macht. Sondern weil er das unausgesprochene Skript bricht. Dabei reden wir hier nicht über Exzess oder Abstinenz-Dogmen. Sondern über etwas viel Subtileres: die Erwartung, dass Alkohol dazugehört. Und dass Abweichung erklärungsbedürftig ist.
Der DACH-Raum und sein blinder Fleck
Deutschland, Österreich, Schweiz – kulturell stolz auf Wein, Bier, Geselligkeit. Und statistisch seit Jahren im oberen Feld, was Alkoholkonsum betrifft. Hochfunktional, gut integriert, gesellschaftlich akzeptiert. Genau das macht Alkohol so gefährlich – und so unsichtbar. Er ist keine „Droge“, über die man spricht. Er ist Kultur. Und Kultur hinterfragt man ungern. Gleichzeitig wissen wir längst, was regelmäßiger Konsum bedeutet: für Schlaf, Regeneration, mentale Klarheit, hormonelle Balance, Krebsrisiken, Entzündungsprozesse. Das Wissen ist da. Die Konsequenz im Alltag oft nicht.
Maß statt Mythos
Ich lehne Alkohol nicht per se ab. Ein gutes Glas Wein, ein besonderer Moment, ein bewusster Genuss – als Mal, nicht als Modus. Nicht als Eintrittskarte in soziale Akzeptanz. Nicht als Voraussetzung für Nähe, Leichtigkeit oder Begehrlichkeit. Und ganz sicher nicht als Kriterium für Attraktivität oder „Dating-Tauglichkeit“. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir umdenken müssen: Dass Selbstbestimmung attraktiver ist als Mitmachen. Dass Klarheit spannender sein kann als Dauerlockerheit. Dass Präsenz nichts mit Promille zu tun hat.
Ein leiser Kulturwechsel
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit Verboten oder Moral. Sondern mit Sätzen, die man nicht mehr erklärt. Mit einem ruhigen Nein danke. Ohne Zusatz. Ohne Ausrede. Und vielleicht merken wir dann irgendwann, wie absurd es eigentlich ist, dass ausgerechnet der Verzicht auf Alkohol erklärungsbedürftig ist – und nicht der Konsum. Gesundheit braucht keinen Rechtfertigungszettel. Bewusstsein ist kein Stimmungskiller. Und Anziehung entsteht nicht durch Pegel, sondern durch Haltung.
Vielleicht ist genau das der neue Luxus: sich nicht entschuldigen zu müssen – für Klarheit.