Die gestohlene Aufmerksamkeit
Wie wir Social Media nutzen können, ohne uns darin zu verlieren
Nur kurz Instagram öffnen. Eine Nachricht beantworten. Eine Schlagzeile lesen. Dann noch ein Video. Noch eines. Und plötzlich sind 30 Minuten vergangen. Fast jeder kennt diese Situation. Das Smartphone ist aus unserem Leben kaum noch wegzudenken – und dafür gibt es viele gute Gründe. Wir kommunizieren, arbeiten, navigieren, informieren uns und bleiben mit Menschen verbunden. Das Problem ist nicht das Smartphone an sich. Es beginnt dort, wo aus bewusster Nutzung automatisches Verhalten wird.
Genau damit beschäftigt sich der Psychologe und Neurowissenschaftler Prof. Christian Montag seit vielen Jahren. Seine Forschung richtet den Blick dabei nicht nur auf die Nutzerinnen und Nutzer, sondern zunehmend auf die Architektur der Plattformen selbst.
Nicht wir allein sind das Problem – sondern auch das Design
Montag argumentiert gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern, dass viele soziale Plattformen nicht neutral gestaltet sind. Ihr Geschäftsmodell beruht wesentlich darauf, Aufmerksamkeit zu gewinnen und Nutzungsaktivität zu erhöhen. Likes, personalisierte Feeds, Lesebestätigungen, Push-Mitteilungen und endloses Scrollen können dazu beitragen, dass wir länger auf einer Plattform bleiben oder häufiger zurückkehren, als wir ursprünglich wollten. (Frontiers)
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Warum kann ich mein Handy nicht weglegen? Sondern auch: Warum ist dieses Produkt so gebaut, dass ich es möglichst häufig wieder in die Hand nehme?
Montag und Kollegen haben bereits 2019 die psychologischen und verhaltensökonomischen Mechanismen hinter solchen „addictive features“ beschrieben. In späteren Arbeiten rückte Montag noch stärker das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie in den Mittelpunkt. (PubMed Central (PMC))
Gleichzeitig warnt er vor einer allzu einfachen Gleichung. Wer lange auf Social Media unterwegs ist, ist deshalb nicht automatisch „süchtig“. Entscheidend sind vielmehr Phänomene wie Kontrollverlust, die Vernachlässigung anderer Aktivitäten oder negative Auswirkungen auf Alltag, Beziehungen, Schule oder Beruf. Auch Montag betont, dass reine Nutzungsdauer und suchtartiges Nutzungsverhalten nicht dasselbe sind. (Springer Nature)
Wann wird Nutzung problematisch?
Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Debatte besonders relevant.
Das von Montag mitverfasste Leopoldina-Diskussionspapier verweist unter anderem auf eine internationale WHO-Untersuchung. Nach der dort eingesetzten Social Media Disorder Scale zeigten in Deutschland etwa 11 Prozent der untersuchten Jugendlichen ein suchtartiges Nutzungsmuster; 2018 waren es demnach sieben Prozent gewesen. Dabei handelt es sich um ein wissenschaftliches Screening anhand von Kriterien wie Kontrollverlust und Vernachlässigung anderer Tätigkeiten – nicht um die Feststellung einer klinischen Diagnose bei elf Prozent aller Jugendlichen.
Die Autorinnen und Autoren des Leopoldina-Papiers sehen deshalb genügend Hinweise, um bei Kindern und Jugendlichen das Vorsorgeprinzip anzuwenden. Gleichzeitig betonen sie, dass die Evidenz teilweise noch widersprüchlich oder lückenhaft ist und weitere Forschung notwendig bleibt.
Das ist eine wichtige wissenschaftliche Differenzierung: Social Media ist nicht per se schlecht. Entscheidend sind Alter, Inhalt, Nutzungsweise, persönliche Vulnerabilität und nicht zuletzt das Design der Plattform.
Was die Leopoldina-Autoren konkret vorschlagen
Die Empfehlungen des 2025 veröffentlichten Diskussionspapiers gehen dennoch erstaunlich weit. Für Kinder unter 13 Jahren sollen eigene Social-Media-Accounts nicht zugelassen werden. Bei 13- bis 15-Jährigen wird eine elterlich begleitete Nutzung vorgeschlagen. Für Minderjährige sollen Plattformen wesentlich stärker altersgerecht gestaltet werden. Besonders interessant ist dabei, welche Funktionen die Wissenschaftler kritisch sehen: Für unter 16-Jährige empfehlen sie unter anderem keine Push-Nachrichten, kein Autoplay und kein endloses Scrollen. Auch Livestreaming soll eingeschränkt werden. Darüber hinaus schlagen sie automatische Unterbrechungen vor, die Jugendliche nach längerer Nutzung bewusst fragen, ob sie tatsächlich weitermachen möchten.
Für Kitas und Schulen empfehlen die Autoren sogar, Smartphones bis einschließlich Klasse 10 grundsätzlich nicht zu nutzen – begleitet allerdings von systematischer Medienbildung. Sie weisen selbst darauf hin, dass die Studien zu Smartphone-Verboten an Schulen nicht völlig einheitlich sind. Das Ziel soll also nicht eine Welt ohne Digitalisierung sein. Es geht um etwas anderes: digitale Kompetenz plus Schutz vor Mechanismen, gegen die sich gerade junge Menschen nur schwer selbst regulieren können.
Und wir Erwachsenen?
Vielleicht sollten wir uns bei dieser Diskussion nicht zu schnell zurücklehnen. Denn genau die Mechanismen, über die bei Kindern gesprochen wird – Push-Nachrichten, Infinite Scroll, personalisierte Feeds und ständig neue Reize – begleiten auch unseren Alltag. Das Leopoldina-Papier spricht ausdrücklich das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie an und weist darauf hin, dass dessen Folgen keineswegs nur Kinder betreffen. Die Empfehlungen konzentrieren sich auf Minderjährige, weil diese besonders vulnerabel sind.
Und damit kommen wir zu einer vielleicht viel größeren Frage:
Verlernen wir, bei einer Sache zu bleiben?
Einen längeren Text zu lesen, ohne zwischendurch aufs Handy zu schauen. Eine Stunde konzentriert zu schreiben. Ein Gespräch zu führen, ohne gleichzeitig Nachrichten zu kontrollieren. Im Café zu warten, ohne automatisch zum Bildschirm zu greifen. Wir müssen daraus keine Kulturkritik machen. Aber wir können unsere Aufmerksamkeit wieder bewusster schützen.
Ein erstaunlich einfacher Trick: Schwarz-Weiß
Eine der sympathischsten Lösungen kostet nichts und dauert weniger als eine Minute: den Bildschirm des Smartphones auf Graustufen stellen. Dafür gibt es tatsächlich experimentelle Evidenz. In einem vorregistrierten Feldexperiment mit 112 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verglichen Forschende drei Strategien zur Verringerung der Bildschirmzeit. Der Graustufenmodus führte zu einer unmittelbaren signifikanten Verringerung der objektiv gemessenen Bildschirmzeit gegenüber der Kontrollgruppe. Selbst gesetzte Zeitlimits wirkten ebenfalls, allerdings langsamer und schwächer. Die Studie zeigte allerdings nicht, dass der Graustufenmodus automatisch Wohlbefinden oder Studienleistungen verbessert – auch das gehört zur seriösen Einordnung. (PubMed)
Eine weitere randomisierte Studie kombinierte verschiedene kleine „Nudges“, darunter Graustufen und das Abschalten nicht notwendiger Benachrichtigungen. Die Intervention reduzierte problematische Smartphone-Nutzung und Bildschirmzeit; gegenüber der Kontrollgruppe verbesserte sich außerdem die Schlafqualität. (PubMed)
Der Grundgedanke ist faszinierend einfach: Wir versuchen nicht, immer disziplinierter zu werden. Wir machen die Ablenkung weniger attraktiv.
Aufmerksamkeit lässt sich zurückerobern
Auch stärkere Interventionen liefern interessante Hinweise. In einer 2025 veröffentlichten experimentellen Studie wurde auf Smartphones für zwei Wochen der mobile Internetzugang blockiert – Telefonieren und SMS waren weiterhin möglich, Internet am Computer ebenfalls. Danach verbesserten sich bei den Teilnehmenden unter anderem das subjektive Wohlbefinden und die objektiv gemessene Fähigkeit zu anhaltender Aufmerksamkeit. (PNAS)
Das heißt nicht, dass wir jetzt zwei Wochen offline leben müssen. Es zeigt aber etwas Entscheidendes: Unsere Aufmerksamkeit ist nicht einfach unwiederbringlich verloren. Wir können die Bedingungen verändern, unter denen unser Gehirn arbeitet. Und vielleicht sollten wir genau damit anfangen.
7 kleine Veränderungen, die sofort helfen können
Schwarz-Weiß einschalten. Weniger visuelle Belohnung kann tatsächlich die Nutzungszeit reduzieren. (Sage Journals)
Push-Mitteilungen radikal reduzieren. Benachrichtigungen können bereits dann eine Aufmerksamkeitsaufgabe stören, wenn wir gar nicht auf das Smartphone reagieren. (PubMed)
Social Media nicht ständig verfügbar halten. Apps vom ersten Bildschirm entfernen, sich ausloggen oder feste Nutzungszeiten definieren.
Wieder Fokuszeiten schaffen. 30, 45 oder 60 Minuten nur eine Aufgabe – ohne Instagram, WhatsApp und E-Mail daneben.
Doomscrolling bewusst unterbrechen. Eine kleine Frage kann reichen: Was wollte ich hier eigentlich gerade herausfinden? Gibt es keine Antwort mehr, App schließen.
Leerlauf wieder zulassen. An der Ampel stehen, im Café warten, spazieren gehen – ohne jede freie Sekunde mit einem neuen Reiz zu füllen.
Das Smartphone wieder zum Werkzeug machen. Wir entscheiden, wann wir es benutzen. Nicht die nächste Notification.
Vielleicht ist Fokus der neue Luxus
Wir brauchen keine digitale Askese. Und Social Media hat zweifellos auch positive Seiten: Austausch, Wissen, Inspiration, Gemeinschaft und Zugang zu Menschen und Informationen, die früher kaum erreichbar gewesen wären. Aber wir sollten uns bewusst machen, dass wir in einer Ökonomie leben, in der unsere Aufmerksamkeit einen ökonomischen Wert besitzt. Genau deshalb sollten wir sie nicht unbegrenzt verschenken. Montags Forschung lenkt den Blick sehr treffend auf diesen Zusammenhang zwischen Plattformdesign, Geschäftsmodell und unserem Verhalten. (Frontiers)
Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung unserer digitalen Zeit deshalb gar nicht, weniger online zu sein. Sondern wieder entscheiden zu können, wann wir online sein wollen – und wann nicht.
Ein Buch lesen. Einen Gedanken zu Ende denken. Eine Stunde an einer Sache arbeiten. Ein Gespräch führen, ohne aufs Display zu schauen. Das klingt unspektakulär, könnte aber zu den wertvollsten Fähigkeiten der kommenden Jahre gehören.
Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Behandeln wir sie auch so.
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